Die Wochenschau

Flensburger Dampf Rundum: Vom 10.-12. Juli

"Die alten Dampfer kommen"

05. Juli: 

Am zweiten Juli-Wochenende qualmt und zischt es mal wieder im Flensburger Hafen: Von Freitag, 10. Juli,  bis Sonntag, 12. Juli, steigt an der Förde das „Dampf Rundum“, Europas größtes Dampfertreffen. Tausende von Besuchern und Einheimischen erwartet eine bunte Erlebniswelt traditioneller Schifffahrt. Zusätzlich gibt es ein begleitendes Kulturprogramm.

Harm Paulsen ist in seiner Freizeit gerne ein Wikinger

"Ich bin ein gut bewaffneter Pazifist"

05. Juli

Ich „baue immer noch Einbäume mit der Steinaxt – schneller als mancher Schlabberstudent.“ In Karohemd und Jeans, eine Brille auf der Nase, sitzt Harm Paulsen auf dem gemütlichen Sofa seiner Schleswiger Wohnung, dampfenden Kaffee in der Hand. „Doch“, sagt er, „Kaffeefahrt ist mir so fern wie der Saturn.“ Zwar verabschiedete er sich vor fünf Jahren von seinen Kollegen am Archäologischen Landesmuseum auf Schloss Gottorf in den Ruhestand und feierte im Oktober seinen 70. Geburtstag, doch „hier oben“, sagt er und tippt sich an den Kopf, „da bin ich noch 20“. Harm Paulsen ist wohl einer der bekanntesten Wikinger Deutschlands. Doch eigentlich ist er noch viel mehr: Steinzeitexperte, Grabungstechniker, Autor und Träger zahlreicher Auszeichnungen. Doch vor allem ist er eines: „Vorreiter der Experimentalarchäologie“. Der herkömmliche Archäologe gräbt in der Erde nach jahrtausendealten Objekten, birgt sie, bestimmt Alter, Herkunft, Material – und irgendwann verschwinden die Funde hinter verschlossener Tür im Magazin. Und genau hier kommt Harm Paulsen ins Spiel: „Ich will wissen, wie funktioniert das?“ Wie weit flogen Pfeile in der Steinzeit?  Kann man mit einer Steinaxt einen Einbaum bauen? Harm Paulsen probiert es einfach aus. Er baut Pfeile und Steinäxte nach – und ganze Einbäume. Alles unterzieht er einem Praxistest und so schipperte er schon mit dem selbstgebauten Einbaum über die Ostsee. Auf diese Weise gelangt er zu ganz neuen Erkenntnissen. „Früher dachte man, Prachtäxte konnten nur besonders gut ausgebildete Steinzeitmenschen herstellen. Aber mein Sohn konnte das mit zwölf. So haben wir eine Theorie widerlegt“, schwelgt er in Erinnerungen.

Eigentlich hat er Radarelektroniker gelernt, war bei der Marine. Doch ein Unfall passierte und das war für ihn der sprichwörtliche „Tritt in den Hintern“, um auszusteigen. „Jetzt machst du was anderes.“

Archäologie. Finanziell gesehen, gibt er unumwunden zu, hätte er mit anderen Berufen mehr verdienen können. Doch er ist kein materieller Mensch. „Ich lege keinen großen Wert auf Luxus“, betont er – nur einen möchte er nicht missen: Den Luxus, eine Kindheit gehabt zu haben wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Nicht am Mississippi, sondern in der Nähe von Lübeck, wo sein Opa ein Gut bewirtschaftete. Dort hat er sich mit anderen Jungen gebalgt und geprügelt, wieder Frieden geschlossen und Baumhäuser gebaut – je höher, desto besser. „Mit zwölf konnte ich schweißen“, erzählt er. Seitdem konnte er sich seine Schwerter selber schmieden.

Schon damals in Lübeck „war ich als Kind auffällig“, meint er. Mit zwölf war er auf Grabungen mit dabei. „Ich habe für die Ämter schon als Kind alles angeschleppt, was ich auf den Äckern finden konnte“. Er hat sogar eine Steinzeitsiedlung ausgegraben – und seine Funde bis ins kleinste Detail festgehalten – mit dem Bleistift auf Papier. Mit 13 Jahren „konnte ich zeichnen wie ein Profi“, sagt er. Und zieht gleich den Beweis unter einem Bücherstapel hervor: ein altes Album, aus Schulheften zusammengebunden. Neben der außergewöhnlich feinen Handschrift eines Schülers sind die detailgetrauen Zeichnungen von Steinzeitwerkzeugen zu sehen. Sie füllen Seite um Seite, sind Ausdruck einer frühen Leidenschaft.

Diese Leidenschaft sprudelt aus ihm heraus wie ein Wasserfall aus Worten – und so wurde und wird sie gefüttert: mit dem geschriebenen Worten unendlich vieler Bücher, die Harm Paulsen in den letzten Jahrzehnten gelesen hat. In der Schule habe der Geschichtslehrer geradezu Angst vor seinem angelesenen Wissen gehabt, schwelgt er in Erinnerungen.  „Dann hat er immer gefragt: ‚Ist der Professor anderer Meinung?‘ Nein, Professor ist Harm Paulsen nie geworden, hat nicht mal studiert. Dabei hat er Abitur gemacht. Doch wie sagte seine Großmutter immer: „Was nützt dir dein Titel, wenn du keine Lebensmittel hast?“ „Wir brauchen nicht nur Master, sondern auch Meister“, übersetzt er es heute. Nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer. Denn nicht nur Wikinger interessieren ihn, sondern auch die Ureinwohner Amerikas.

Schon als Kind jagte er mit Holzgewehr und Bogen über den Gutshof und hat Indianer gespielt. Schnell waren ihm Karl-May-Bücher nicht mehr genug. „Gibt es so edle Menschen überhaupt?“ fragt er. Bei Winnetou konnte er sich nicht vorstellen, „dass der ganz normal auf Klo geht“. Daher beschloss er „richtige“ Bücher über Indianer zu lesen. In einem Fachbuch entdeckte er das alte Foto eines Indianers, der an einer Pfeilspitze arbeitete. Er guckte sich die Haltung ab, imitierte sie. Danach entstand seine erste indianische Pfeilspitze. Da war er vielleicht zwölf.

Dank seines umfangreichen Wissens und der praktischen Erfahrung hatte er nach seinem Unfall Glück im Unglück: Schloss Gottorf in Schleswig wollte ihn damals einstellen – „ich war ja auch noch umsonst, denn mich hat noch die Marine versorgt“. Mittlerweile lebt er seit 40 Jahren an der Schlei, fühlt sich wohl. Allerdings war die neue Arbeitsstelle eine große Herausforderung: Einen Teil der Fachwelt „hatte ich gegen mich“. Immer wieder hätten Archäologen diverser Universitäten betont, sie seien Geisteswissenschaftler, „keine Handwerker“. Gar eine „Flucht ins Manuelle“ warfen sie ihm vor. Seine Antwort? Schlicht entwaffnend: „Wollen wir wetten, dass alles, was wir finden, manuell entstanden ist?“ Zudem echauffierte sich so mancher über den Quereinsteiger ohne akademischen Hintergrund. Paulsen habe ja nicht promoviert, hieß es dann. Doch er wusste, die Zeit war auf seiner Seite: „Ich war damals verdammt jung, die Professoren älter – die habe ich biologisch überlebt.“ Und da er viel mit Studenten zusammenarbeitete, die begeistert von seiner Expertise waren, formte er die nächste Professorengeneration gleich mit. Heute ist die Experimentalarchäologie als eigener wissenschaftlicher Zweig etabliert. „Da hat man, ohne dass man  es will, eine kleine, große Welt verändert“, sagt er.

Er hat einiges angeschoben: Da wäre „Opinn Skjold“, eine Gruppe von 100 Hobby-Wikingern zwischen 0 und 100 Jahren, die seit 1978 das alte Handwerk wieder aufleben lassen. Keine Haudrauf-Leute, die einen auf Wikinger machen und dabei nur eine Mischung aus Ork und Elf ohne die spitzen Ohren sind. Nein, sie sind Handwerker, keine Kämpfer. „Leute totschlagen“, das überlässt er dem Fernsehen. „Ich bin ein gut bewaffneter Pazifist“, betont er, ergänzt aber: „Mich in meiner Wohnung anzugreifen, ist völlig zwecklos.“ Bei einem Blick auf die Wand hinter ihm braucht man nicht weiter zu fragen. Dort hängen drei Schwerter. Selbst geschmiedet.

1986 wurden die Wikingertage gegründet, „das war das Podium meiner Gruppe, zu zeigen, was wir können“, so Paulsen. Die Premiere war ein Erfolg und „ein Riesenspaß“. Das sah die Geschäftswelt genauso und, so Paulsen, „dann wird man ganz schnell rausgedrängt“. Mitte der 90er Jahre zog sich „Opinn Skjold“ deshalb von den Wikingertagen zurück. Harm Paulsen nimmt kein Blatt vor den Mund, was ihm den Ruf eingebracht hat, ein Nörgler zu sein. Er kann damit leben. „Ich habe nun mal eine sehr direkte Art. Ich kann gut beißen“. Maike Krabbenhöft